TomateN-Projekt 2017

17. Juli 2017
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Tomaten brauchen wir viel(e): für die Nudelsoße („Sugo“), für unsere Currywurst, auf die Pizza, für Salate oder einfach als Brotbelag. Und weil wir bei allem, was nicht „knackfrisch“ sein muss, bisher immer auf Dosen- und Tetrapack-Ware zurückgeriffen haben, wollen wir in diesem Jahr unser Selberversorgung um diesen Punkt erweitern. Denn Tomaten wachsen auch in unserem Klima, und es gibt so viele köstliche alte Sorten, die nicht im Supermarkt zu finden sind… Weil ein paar glückliche und unglückliche Umstände zusammen gekommen sind, probieren wir es in diesem Jahr also mal selbst aus. Hier berichten wir (Text wird immer wieder ergänzt und aktualisiert).

Erstes Ziel: Tomatensugo für alle Lebenslagen einkochen und für die nächsten 12 Monate bei allen Einsätzen zur Verfügung haben. 

Zweites Ziel (quasi: Nebenprodukt): Ausprobieren, was schmeckt und was sich bei uns (und mit unseren bescheidenen Fähigkeiten) erfolgreich anbauen lässt.
Drittes Ziel: Testen, wie aufwändig die Selbstversorgung mit Tomaten ist.

Und so sind wir seit März dabei: Samen von 27 verschiedene Tomatensorten haben wir geordert, gesät, pikiert, mehrfach getopft und dann in den Boden gepflanzt, zum Teil in einem Gewächshaus, das wir dankenswerterweise nutzen dürfen, zum Teil ins Freiland.

Gesät hatten wir viel zu viel, denn erstaunlicherweise gab es kaum Verluste, und so haben wir viele bis auf Topfgröße herangepäppelte Pflanzen verschenkt, aber auch viele letztlich zu Kompost für die anderen verarbeitet – und nun gießen und pflegen wir noch rund 300 Tomatenpflanzen, womit wir bisher im Gewächshaus sehr erfolgreich sind (es ist ein DSCHUNGEL!), während wir im Freiland noch arg zu „kämpfen“ haben (mit Wind und Wetter, Schnecken und allerhand botanischer Wettbewerber). Im Zwischenergebnis sieht es aber so aus, dass wir sowohl unsere beabsichtigten Vorräte anlegen können als auch etwas Überschuss haben, den wir gerne weitergeben. (Aktuelles dazu unten)

Wir haben von Anfang an gesagt: es ist ein Versuch. Ob wir das nochmal oder gar künftig immer machen, ist noch völlig offen. Im Moment beobachten wir sehr interessiert – und lernen viel.

Es ist natürlich kein zertifizierter Bio-Anbau, was wir da machen, aber wir folgen selbstverständlich allen guten Prinzipien des organischen Landbaus: keine künstliche Düngung, keine Spritzmittel gegen irgendwas, Stoffkreislauf, Bestäubung durch Hummeln… Und was die verschiedenen (sich widersprechenden) Lehrmeinungen zur Kultivierung angeht: wir probieren aus. Von allen Sorten im Test haben wir Pflanzen, die ohne jeden Eingriff wachsen dürfen, und solche, die wir ein wenig nach den tradierten Regeln beschneiden, ausgeizen, hochbinden etc. Weil: grau ist alle Theorie… – und wir müssen schauen, was für uns am besten passt (wir sind ja schließlich keine Berufsgärtner, brauchen nicht den größten Ertrag, wollen nicht mehr Zeit als nötig in dieses Projekt investieren und sind ansonsten vor allem scharf auf guten Geschmack.
Im Herbst werden wir Bilanz ziehen können. (Ein ausführlicherer Text steht schon jetzt unter der ersten Bilderstrecke und wird dann ggf. erweitert.)

Tomaten pikiert

Tomaten pikiert

Tomaten-getopft-1

Tomaten im Beet (GH)

Tomaten im Beet (GH)

Tomaten z.T. übermannshoch

Tomaten z.T. übermannshoch

 

Unser Jahresprojekt 2017 heißt also: TomateN. Den Plural schreiben wir mal groß, weil wir es nicht klein angehen. Schließlich kann man Tomaten in großen Mengen bei jedem Lager, bei jeder Veranstaltung mit Verköstigung brauchen, vor allem als Sugo, den wir dann beliebig weiterverarbeiten können.
Da wir bislang keine Experten auf dem Gebiet sind, haben wir uns einige interessante Tomatensorten rausgesucht, um zu testen, welche für unsere Zwecke am besten geeignet ist. Hier wollen wir ab und an vom Fortschritt des Projekts berichten.

Begonnen haben wir, nach einigen Vorbereitungen (das Projekt ist nur möglich, weil wir derzeit ungenutzte Gewächshäuser und Freilandflächen der örtlichen Gärtnerei nutzen dürfen. Ganz herzlichen Dank dafür!), im März mit der Aussaat von 27 überwiegend alten bzw. seltenen Tomatensorten, alles aus Bio-Anbau. Ursprünglich wollten wir nur die San Marzano anbauen, die klassische Pizza-Tomate, aber weil die Meinungen bei den Rangern auseinander gingen, ob sich diese in Süditalien angebaute Sorte überhaupt bei uns schmackhaft kultivieren lässt, haben wir auf das übliche Pfadfinder-Motto gesetzt: learning by doing (kombiniert mit dem Biologen-Motto: trial and error).

Aktuelle Infos für unsere Tomaten-Interessenten (3. August):
Sofern wir nicht alles von der täglichen Ernte selbst verarbeiten können, bieten wir Ihnen gerne Tomaten zum Probieren an. Da wir das alles nur als im Rahmen unseres Pfadfinder-Hobbys betreiben, stellen wir die Ernteerträge meist am späten Nachmittag oder frühen Abend zur Verfügung. Wir können leider nicht garantieren, dass an jedem Nachmittag der Selbstbedienungsstand vorhanden ist. Aber bislang klappt das ja sehr gut.

1. Phase: Aussaat
Aller Anfang ist schwer? Bei unserem TomateN-Projekt sicherlich nicht, denn bisher stellt sich der Anfang als der einfachste Arbeitsschritt dar: Tomatensamen nach Sorten getrennt auf die Ansaatschalen streuen, ein wenig weitere Erde darüber geben, täglich etwas gießen – das war kein großer Aufwand.
Zu unserer großen Überraschung ist fast alles Saatgut aufgegangen, so dass wir nach zwei Wochen sicherlich deutlich über 1.000 kleine Pflänzchen hatten – bei allem Optimismus deutlich zu viel selbst für unser Großprojekt.

2. Phase: Pikieren
Ebenfalls weit einfacher als gedacht war der zweite Arbeitsschritt: die einzelnen noch sehr kleinen Pflänzchen (nur die beiden Keimblätter waren zu sehen) in kleine Töpfchen zu setzen (zu vereinzeln). Nicht von ungefähr kaufen die meisten Hobbygärtner Tomatenpflanzen, anstatt sie selbst aus Samen großzuziehen. Aber wir hatten ja die Gewächshäuser und wollten unser TomateN-Projekt komplett selbst gestalten, daher der Griff zu den Tomatensamen.
Jedenfalls: im Prinzip war diese gefürchtete Arbeit ein Kinderspiel – und auch hier haben entgegen unserer Erwartungen fast alle Pflanzen überlebt.

3. Phase: Topfen
Weitere zwei Wochen später mussten unsere Pflänzchen nun von den Paletten in eigene klassische Blumentöpfe (bevor sie dann im nächsten Schritt endlich in den normalen Boden dürfen). Natürlich kam die Frage auf, wozu dieser Aufwand betrieben wird- schließlich wird in der Natur auch nichts umgetopft. Aber die Gärtner überzeugten uns, dass wir ja schließlich Kulturpflanzen züchten wollen, die in dieser Form nicht in der Natur vorkommen. Und um diesen Kulturpflanzen einen guten Start zu ermöglichen, seien die verschiedenen Topfgrößen eben sinnvoll (es soll sich jeweils ein fester Wurzelballen ausbilden; ohne die Begrenzung des Topfes sähe das Wurzelwerk ganz anders aus).
Auch das umsetzen in einzelne Blumentöpfe war noch einfacher, als wir erwartet hatten – für etwa 600 Pflanzen haben wir in der Summe etwa acht Arbeitsstunden gebraucht.

4. Phase: Auspflanzen
Mitte Mai waren die Tomatenpflanzen in ihren Töpfen dann so groß, dass sie an ihren eigentlichen Bestimmungsort kommen konnten: nämlich in den gewöhnlichen Erdboden, mit viel Abstand zueinander. Da begann dann die Arbeit. Denn für jede einzelne Pflanze musste ja ein Loch gegraben werden. Aus den Töpfen ließen sich die Pflanzen auch nicht mehr einfach herausnehmen oder herausdrücken, wie zuvor, denn die Wurzeln waren längst aus den Löchern im Topfboden herausgewachsen, und hier bemerkten wir spätestens sehr deutlich Unterschiede der Sorten: Einige Pflanzen hatten bereits Blüten, andere nicht, die Größe variierte stark, auch die Wuchsform.
Jedenfalls sah jetzt alles schon sehr deutlich nach Tomate aus (bis auf die „Tomatillo“, die wir aus Spaß mit in unsere Auswahl genommen hatten und die gar keine Tomate ist).
Da wir so viel Pflanzen von jeder Sorte hatten, entschlossen wir uns, nicht nur die theoretisch für den Freilandanbau (also nicht im Gewächshaus) geeigneten Sorten auch nach draußen zu pflanzen, sondern von jeder Sorte wenigstens 4 Exemplare – um zu sehen, wie unterschiedlich sie gedeihen und wie unterschiedlich der Ertrag ist zwischen Gewächshaus und „Garten“.

5. Phase: Hegen und Pflegen
Nun waren alle Pflanzen an ihrem Ort, aber bis zur Tomatenernte war doch noch vieles zu tun.
Da war zunächst die Aufgabe, die Kulturpflanzen zu stützten: Kennt man ja aus jedem Nutzgarten, dass Tomaten an Stangen hochwachsen, daran festgebunden werden, weil sie sonst spätestens unter der Last ihrer Früchte zusammenbrechen. Im Gewächshaus konnten wir dies mit Seilen bewerkstelligen (und endlich waren die Pfadfinder materialmäßig wieder in ihrem Element), in den Freilandbeeten mussten wir tatsächlich zu Stöcken greifen. Allerdings rät der namhafte Tomaten-Experte Erich Stekovics zumindest im Freiland vom Hochbinden der Pflanzen ab: er lässt sie erfolgreich einfach auf dem Boden (auf Stroh gebettet) wachsen. Das ist auch die weit verbreitete Profi-Methode im kommerziellen Anbau. Wir haben daher gleich wieder zum Experiment gegriffen und testen beides.

Als zweites stand die Düngung an. Tomaten brauchen viele Nährstoffe, heißt es, und auch ohne Gärtnerwissen kann man sich leicht vorstellen: was die Pflanzen aus dem Boden herausholen will, um zu wachsen und Früchte zu bilden, muss in diesem Boden vorhanden sein oder ihm möglichst schnell zugeführt werden. Von nix kommt nix.
Nicht aus dogmatischen Gründen, sondern aus Experimentierlust wollten wir auf künstliche Düngung verzichten. Also hieß es: Brennesseljauche ansetzen und Grünschnitt auf die Bodenflächen auftragen (wir haben kurzerhand mit Sensen all das von den Brachflächen weggemacht, was sich gemeinhin „Unkraut“ oder „Wildwuchs“ nennt – Gräser, Löwenzahn, Disteln…).
Dies war um so nötiger, als der Boden unserer Flächen jahrelang nicht genutzt worden war und brach lag – und zwar wirklich brach, ohne Bewuchs, abgedeckt oder ausgetrocknet. Damit gab es auch erstmal kaum Bodenleben.

6. Erntebeginn und erste Ergebnisse
Mitte Juli hat die Ernte begonnen, noch verhalten, aber immerhin tut sich jetzt etwas. Wir sind sehr gespannt. Stand 24. Juli 2017 tragen 16 unserer 27 Sorten erste reife Früchte. Es gibt also schon einiges zu testen – sowohl im Geschmack als auch in der Handhabung (z.B. welche Sorten sich lagern lassen).
Unsere Freilandversuche werden wir aber wohl überwiegend beerdigen müssen: vor allem die Wegschnecken machen fast alles kaputt.
11. August: 23 Sorten konnten wir bereits ernten.

7. Verarbeitung
Die ersten Sorten haben wir nun zu Tomatensoße verarbeitet. Da wir hier im Moment noch ganz am Anfang stehen, dauert es noch etwas, bis wir berichten können, welche Sorten sich für was gut eignen. Feststellen können wir jedenfalls schon große geschmackliche Unterschiede – und das ist doch schon allerhand, um nicht mehr einfach von „Tomate“ zu sprechen. (Wenn man jetzt langsam etwas feinfühliger wird, fällt auf, das eine Aussage wie „Ich mag Tomaten“ so sinnvoll ist wie „ich mag Musik“ – als ob es da nicht eine große Bandbreite gäbe, von der man einiges mögen und anderes nicht mögen kann…)
Mit dem Einkochen haben wir ja grundsätzlich schon viele Jahre Erfahrung, aber konkret zum Sugo kann man sagen: den werden wir sicherlich nicht auf dem Weihnachtsmarkt oder sonstwo verkaufen – denn für die Arbeit, die das alles macht, kann man keinen fairen Preis erzielen.

8. Geschmack
Am Anfang waren wir ehrlich gesagt etwas enttäuscht, weil das schöne Wort von der „Geschmacksexplosion“ nicht zutraf. Allerdings war das eben auch der Beginn der Erntesaison. Und wir haben nun zum Vergleich alle möglichen Tomaten aus dem Handel gekauft, Standard aus dem Discounter, Bio aus dem Supermarkt, Spezial-Sorten von Einzelhändlern. Und jetzt kann man doch sehr deutlich sagen: der Unterschied ist phänomeal! Nicht alle unsere bislang tragenden 23 Sorten sind Top, aber viele schon. Wir haben nun auch schon einige Blindverkostungen gemacht und können guten Gewissens sagen: es ist keine Einbildung, zwischen unseren alten bzw. seltenen Sorten und der Standardware im Handel liegen Welten.
Das können wir nun auch für „passierte Tomaten“ sagen, die auch wir ja bisher immer nur in Dosen und Tetrapacks gekauft haben. Es gibt dort zwar auch deutliche Geschmacksunterschiede, aber unsere eigenen Sorten Ruthje und Sieger z.B. schlagen die weit verbreitete, teure Marke „Oro di Parma“ deutlich.
Ergebnis also: von der Qualität her ist die Selbstversorgung wirklich ein großer Sprung nach vorne.

9. Arbeitsaufwand
Fraglich ist nllerdings, ob der gute Geschmack (und die sonstige Qualität) hinreichend gewürdigt werden wird. Denn eine wirklich überraschende Feststellung bei unserem Projekt ist, wie viel Arbeit der Tomatenanbau macht! Allein die Ernte ist – zumindest bei unserem Anbau (zu dicht gesetzt, verschiedene Sorten etc.) – so aufwändig, dass wir von unserer ursprünglichen Idee, Überschüsse gegen Spende abzugeben, nun abrücken.
Wir haben das in der Zeit vom 22. Juli bis 12. August getestet, die Tomaten wurden sortiert oder als gemischte Beutel in Selbstbedienung angeboten (also auf Vertrauensbasis – Geld einfach in eine Kasse legen). Auch ein wenig als Test hatten wir auf unserem Informationsblatt geschrieben, pro Kilogramm Tomaten möge man „mindestens einen Euro“ in die Kasse legen – die gedankliche Betonung lag auf „mindestens“. Wir wollten offenlassen, wie viel den Leuten unsere Arbeit wert ist. Heute können wir sagen: wir haben recht kontinuierlich 1,25 EUR pro Kilogramm erzielt – das ist derzeit ungefähr der Discounterpreis für konventionelle Tomaten. Zum Vergleich: Bio-Tomaten kosten bei Tegut 4 Euro das Kilogramm, in landwirtschaftlichen Genossenschaften („solidarische Landwirtschaft“) liegt der Preis im Moment bei ca. 6 Euro pro Kilogramm.
Mit 1,25 EUR je Kilo könnten wir noch nicht einmal unsere Pflücker mit Mindestlohn bezahlen (die natürlich gratis pflücken!). Da ist dann die ganze Vorarbeit (ca. 120 Stunden) nocht nicht drin und auch die Materialkosten wären noch alle offen.
Im Ergebnis heißt das: ein nicht stark technisierter und automatisierter Tomatenanbau ist aufwändig und damit teuer. Trotz des großen Qualitätsunterschieds erzielen wir mit unseren Tomaten nicht ansatzweise soviel mehr Umsatz, dass es sich irgendwie lohnen würde, müsste die Arbeit bezahlt werden. Es bleibt also ein Luxusprojekt für unsere Selbstversorgung – wir stecken viele Freizeit hinein und bekommen dafür sehr gut schmeckende Tomatensoße. Als Projekt zum Spendensammeln lohnt es allerdings nicht – da bekommen wir deutlich mehr zusammen, wenn einfach jeder von uns anstatt ins Gewächshaus zu kommen seiner Arbeit bzw. seinem Schülerjob nachgeht und den Verdienst dieser Zeit spendet. (Nicht anderes sind ja all solche Spendenprojekte, ob Weihnachtsmarkt, Gulaschkanone auf einem Fest oder unser jährliches „Kirchen-Cafe“: letztlich wird das Geld von den Pfadfindern bzw. anderen ehrenamtlich Mitwirkenden erarbeitet, und da muss man ganz kapitalistisch auch Aufwand und Ertrag ins Verhältnis setzen.)
Wer unseren Arbeitsaufwand scheut und trotzdem eine gute Tomatensoße sucht, bekommt sie in einigen Läden (Edeka z.B.) oder im Online-Shop: von Tim Mälzer, Kosten: 7 Euro pro Kilogramm. (Das ist eines der Produkte, mit dem wir unsere eigenen Erzeugnisse bisher verglichen haben.)

One Response leave one →
  1. 2017 Juli 22
    Schlicht permalink

    Wahnsinn !!

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