Wilde Ecken – mehr Natur am Haus

15. April 2018

Kaum lassen die ersten Sonnenstrahlen den Frühling erahnen und das matte Grün des Grases etwas kräftiger werden, dröhnen allüberall als Zeichen der Zivilisation die Rasenmäher. Millionen Jahre altes Erdöl wird verbrannt, um das Leben der Natur zurechtzustutzen.
Die dröhnenden Rasenmäher sind für uns mahnendes Symbol eines spießigen Bemühens um formale Ordnung in einer wild-chaotischen Welt – und diesem sind Pfadfinder seit ihrem Entstehen stets entflohen, um in und mit der Natur zu leben, wenigstens in der Freizeit.
Doch es ist längst dran, die Natur auch wieder in unseren Alltag zurückzuholen, und das heißt: sie zuzulassen. Dafür werben wir, dafür treten wir ein. Nicht aus Romantik, sondern weil Natur unseren Alltag schöner und besser macht. Weil es sich besser lebt mit Pflanzen und Tieren um einen herum. Weil unsere Welt eher in Ordnung ist, wenn einiges “unordentlich” sein darf. Weil “leben und leben lassen” ein Motto ist, dem sich jeder anschließen können sollte.
Die Natur gehört nicht in Reservate, sondern in unsere Gärten und Parks, auf Balkone und Hausdächer, in die Feldränder und Wälder.

Ein paar einfache Tipps für Vereinsheime, Kirchengemeinden, Schulen etc.

Unser Grastest – im Frühling nach dem ersten Schnitt (rechts)

Rasen
Natürlich muss manchmal und an bestimmten Stellen der Rasen gemäht werden. Aber kurzgeschorenes Gras ist außer zum Fußballspielen und Sonnenbaden für wenig zu gebrauchen. Auf dem englischen Rasen lebt fast nichts, keine Heuschrecke, keine Biene, keine Spinne, keine Schnecke. Der Boden wird ausgezehrt, im Sommer verbrennt das Gras (oder es muss teuer bewässert werden) – es sind einfach hässliche Flächen. Probieren Sie es selbst aus: lassen Sie Ihr Gras einfach mal wachsen. Schon wenn es nur knöchelhoch steht, zieht bereits Leben ein. (Für Pfadfindergruppen: Einen Teil der Fläche weiter wie bisher kurzgeschoren halten, einen Teil wachsen lassen und die Unterschiede beobachten.)
Darf das Gras weiter wachsen, verändert sich das Bild immer mehr. Je nach Lage und Samenbank (meint: welche Pflanzensamen im Boden vorhanden sind)  wird zunächst erkennbar, dass Gras nicht gleich Gras ist, sondern verschiedene Arten nebeneinander wachsen, die man erst unterscheiden kann, wenn sie größer werden. Weitere Pflanzen werden auftauchen und Blüten bilden (auch wenn das auf diese Weise nie eine bunte Blumenwiese wird, wie man sie mit Saatmischungen auf nacktem Boden bekommt). Auch die Gräser werden blühen und sich nun deutlich unterscheiden. (Für Pfadfindergruppen: Auch Getreide ist Gras, da lässt sich viel schönes Programm zu machen.)
Rasenflächen seltener zu mähen verbessert das Mikroklima, bietet neuen Lebensraum für Insekten und damit auch Vögel, erspart uns Lärm und Gestank, kostet weniger Geld und Zeit (doch, man kommt auch durch hohes Gras mit dem gewöhnlichen Rasenmäher durch, wenn man die Technik beherrscht; aber besser ist dann ein Balkenmäher). Und bei öffentlichen Flächen kommt noch ein wunderbarer Nebeneffekt hinzu: schon handbreit hohes Gras macht Hundekot unsichtbar, und er zersetzt sich im Gras verborgen auch viel schneller, als wenn er auf dem Kurzrasen mumifiziert wird.
Es gibt sogar ein Netzwerk “Kommunen für biologische Vielfalt“, das sich genau dafür einsetzt, denn: “Eine Pflegeextensivierung und somit eine Reduzierung der Mahdhäufigkeit ist ein wichtiger Schritt zu mehr Artenvielfalt auf städtischen Grünflächen.” Zahlreiche Kommunen praktizieren das bereits – viele, viele aber leider nicht (es kann jeder beobachten, womit von Frühling bis Herbst die Mitarbeiter der Bauhöfe oder Grünflächenämter vor allem beschäftigt sind: mähen, mähen, mähen – gerne im Lärmverband von großen & kleinen Rasenmähern, Motorsensen, Laubbläsern und Transportfahrzeugen).
Übrigens: Grasschnitt Woche für Woche wegzutragen, anstatt ihn (gehäckselt) an Ort und Stelle liegen zu lassen, entzieht dem Boden alle wichtigen Mineralstoffe und macht ihn mit der Zeit unfruchtbar – eine Zerstörung gigantischen Ausmaßes, über die so gut wie nicht gesprochen wird.
Der kurzgeschorene Rasen um Kirchen, Schulen, Dorfgemeinschaftshäuser etc. herum ist immer ein Zeichen, dass hier noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist. (Für Pfadfindergruppen: Macht mit, sprecht die Verantwortlichen an, werbt für mehr Natur in Dorf und Stadt.)

Wilde Ecken & das böse Laub

Laub bitte liegen lassen

Wenn das Gras im Herbst nicht mehr (schnell genug) wächst, finden viele Hausmeister und Gartenwarte eine neue Beschäftigung in der Laubbekämpfung. Nicht nur vom Rasen wird jedes Blatt weggerecht oder -geblasen, selbst unter den Bäumen und Sträuchern selbst darf es nicht liegen. Dabei ist es dort soooo wichtig! Wie beim Grasschnitt gilt: wer Laub entfernt, unterbricht einen seit Anbeginn des Lebens bestehenden Kreislauf und zerstört über die Zeit den Boden. Außerdem ist eine dichte Laubschicht ein wichtiges Biotop: wer es vergessen hat, sollte mal an einer beliebigen Stelle eine alte Laubschicht anheben und darunter- bzw. hineinschauen, was da alles lebt!
Von den Straßen muss Laub entfernt werden, das ist klar, aber es ist kein Müll, sondern gehört unter die Bäume und Sträucher, ggf. auch als größere Haufen. Auf dem Rasen stört ein bisschen Laub auch überhaupt nicht, wer es liegen lässt kann beobachten, wie schnell es von der Natur verarbeitet wird
(Für Pfadfindergruppen: Es ist ein wahnsinniges “Aha”-Erlebnis, wenn man Kindern, Jugendlichen oder sogar Erwachsenen einmal zeigt, wie viele Regenwürmer auf einer Grasfläche nachts aktiv sind und die so gut wie niemand sieht, weil es eben dunkel ist und sie sich blitzschnell in ihre Erdröhren zurückziehen, wenn Menschen angetrampelt kommen. Aber wer sich heranschleicht und dann plötzlich mit einer Taschenlampe leuchtet – am besten mit Rotlicht – der sieht auf einem gesunden Quadratmeter ein Dutzend Regenwürmer, die sich bei weißem Licht sofort wieder verkriechen, weil Licht für sie tödlich ist.)
Zum Laub gesellen sollten sich auch die großen und kleinen Äste, die von Bäumen und Sträuchern abbrechen oder auch mal abgeschnitten werden. “Totholz” ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil eines gesunden Bodenbiotops. Und es hat überhaupt nichts mit Unordentlichkeit zu tun, wenn man unter Büschen das tote Geäst liegen lässt. Blank gerechte Erdflächen, die sehen unordentlich aus, weil da eben etwas nicht in Ordnung ist!
Wenn durch Beschnitt größere Mengen an Ästen anfallen, dann sollten sie in einer geeigneten Ecke auf einem Haufen gesammelt werden – so entsteht ohne Kosten und Aufwand ein ideales Winterquartier für Igel und ein Brutraum für viele Vögel im Frühjahr.
Obwohl unsere hessische Kirche selbst dazu aufruft, “wilde Ecken” in Pfarrgärten und an Gemeindehäusern zu schaffen, sieht man das leider noch sehr selten; versiegelte Parkplätze und kurzgeschorener Rasen mit ein paar Rabatten nichteinheimischer Blumen (Zierrosen, Hybridtulpen…) prägen fast überall das Bild. Von “Fassadenbegrünung” ganz zu schweigen.

Rasen und Laub/Äste sind nur zwei Beispiele, wie ohne jeden Aufwand mehr Natur in unsere “Grünflächen” einziehen kann. Für mehr Ideen, auch für Gruppenprogramm/ Umweltpädagogik, gibt es jede Menge Literatur. Unser Pfadfinderstamm arbeitet in dem Bereich eng mit den beiden Naturschutzverbänden BUND und Nabu zusammen, wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Der Beitrag von uns Pfadfindern sollte sein, für mehr Natürlichkeit in unserer Umwelt zu werben und wo immer möglich tatkräftig anzupacken.

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