Tempo 30 für Amphibien

19. Januar 2018

Damit weniger Lurche gerade während der Laichzeit vom Auto- und LKW-Verkehr getötet werden, fordern wir Pfadfinder gemeinsam mit dem “Netzwerk Amphibienschutz Vogelsberg” und vielen weiteren Natur- und Tierfreunden ein Tempolimit von 30 km/h auf den Straßen, die Lebensräume der Frösche, Kröten, Unken und Salamander besonders gravierend zerschneiden.

Damit sich Autofahrer nicht schikaniert fühlen, schlagen wir eine zeitliche Begrenzung während der Hauptwandertage von 19 bis 23 Uhr vor (bei besonderen Witterungsverhältnissen, die auch zu Massenwanderungen bei Tag führen können, wäre diese Zeitbegrenzung aufzuheben).
Eine solche radikale Geschwindigkeitsbegrenzung kostet die Auto- und Lastwagenfahrer kaum Zeit, kann aber die Zahl der Verkehrstoten enorm reduzieren. Andere Maßnahmen sind – von Krötenzäunen und fest installierten Querungshilfen mit Einschränkungen abgesehen – nicht annähernd so hilfreich.

Begründung:
1. Die meisten Amphibien werden auf der Straße nicht von Autoreifen, sondern vom Luftdruck vor, unter und hinter dem Fahrzeug getötet. Bei einer Geschwindigkeit ab ca. 60 km/h verursacht die enorm schnelle und extreme Schwankung im Luftdruck u.a. ein tödliches Barotrauma.
Da ein schnell fahrendes Fahrzeug auf der gesamten Breite tödlich ist, die Reifen aber nur etwa ein Fünftel der Breite ausmachen, sterben eben die meisten Amphibien durch Geschwindigkeit, nicht Masse des Fahrzeugs, um es plastisch zu formulieren.

Schilder weisen auf die Krötenwanderung hin. Leider steht kein Tempolimit dabei, so dass jeder Autofahrer selbst entscheidet…

2. Bei einer Geschwindigkeit von 30 km/h ist der vom Fahrzeug verursachte Luftdruckunterschied gering und nicht gefährlich. Außerdem sollte jeder Fahrer bei diesem Tempo Tiere von Froschgröße auf dem Asphalt erkennen und sie – soweit es der Verkehr zulässt – nicht absichtlich mit den Reifen zerquetschen.

3. Für die Amphibien sicherer ist eine Vollsperrung der Straße. Im Vogelsbergkreis wird dies bisher an einer einzigen Stelle so gemacht, weil sich dort auch kein Fangzaun aufstellen lässt. Allerdings töten die Fahrzeuge dann auf der deutlich längeren Umleitungsstrecke Tiere. Verärgerte Autofahrer werden noch weniger Rücksicht nehmen, – die Bilanz ist am Ende möglicherweise nicht positiv. (Wir haben auch dazu eigene Zählungen durchgeführt, die jedoch wegen der geringen Fallzahl nicht statistisch aussagekräftig sind, aber andeuten, dass Vollsperrungen unterm Strich nicht automatisch helfen.)
Außerdem sind Vollsperrungen schwer durchzusetzen. Jahrelange Beobachtungen zeigen, dass etwa 80% der Autofahrer eine nur auf ihrer Spur stehende Absperrungs-Barke einfach umfahren und das Durchfahrtsverbot ignorieren (u.a. mit der Polizei gemessen), beidseitige Barken werden sogar weggeräumt, um durchfahren zu können.

4. Auch ein Tempolimit wird sicherlich von den meisten Verkehrsteilnehmern ignoriert werden, zumal wenn es offen und ehrlich als Amphibienschutz deklariert ist. Also müsste es mit Kontrollen verbunden werden, die gerade am Anfang für die Polizei “lohnend” sein dürften.
Insgesamt treten wir Pfadfinder dafür ein, dass Vorschriften nur dort gemacht werden, wo sie notwendig sind, also eher weniger als mehr. Dann aber kann auch die Einhaltung kontrolliert und können Verstöße sanktioniert werden, weil es sich eben um notwendige und nicht schikanierende Vorschriften handelt. (Dies ist bisher nicht immer der Fall, auch deshalb soll eine strikte Zeitbegrenzung für das Tempolimit ein Signal für die Ausgewogenheit der Vorschrift sein.)

5. Freiwilliges Langsamfahren ist zwar gut, bringt aber effektiv nur wenig. Zum einen ist es trotz aller Aufklärungsarbeit bisher nur ein verschwindend kleiner Teil, der in ausgewiesenen Krötenwandergebieten mit einer hilfreich reduzierten Geschwindigkeit fährt – die meisten Fahrer reagieren auf die Schilder gar nicht (sie dienen rechtlich auch nur als Warnung für die eigene Sicherheit), allenfalls wird moderat auf ca. 80 km/h abgebremst, was eben nicht genug ist sondern fast unverändert tödlich bleibt. Außerdem geht freiwilliges Langsamfahren nur, wenn keine Fahrzeuge hinter einem unterwegs sind. Zum einen gefährdet man sonst sich und andere (weil leider kaum jemand mit langsam fahrenden Autos rechnet, was natürlich auch eine gefährliche Verletzung der Sorgfaltspflicht ist), zum anderen überholen nachfolgende Fahrzeuge dann energisch, oft aggressiv und machen die eigenen Tierschutzbemühungen zunichte. (Auch dies haben wir durch Beobachtung zigfach belegt.)

5. Der “Schaden”, der durch den Straßenverkehr im Bestand der Amphibien verursacht wird, ist immens. Auf einem Straßenabschnitt von wenigen hundert Metern zählen wir oft binnen einer Stunde hundert Tote. Die Bedeutung fürs Ökosystem, aber auch für die Empathie der Menschen, haben wir einmal ausführlich in einem Leserbrief erläutert.

6. Das Tempolimit und die damit einhergehende Erkennbarkeit der Tiere sollte auch insgesamt zu einer Sensibilisierung der Autofahrer führen. Denn auch wenn wir Fälle völliger Ignoranz kennen: die meisten Autofahrer werden wohl nicht mutwillig dutzende Wirbeltiere totfahren, wie wir es bei Tempo 100 leider oft zählen müssen.
Da wir das Tempolimit nur für die Hauptwanderungszeiten und -strecken fordern, werden Autofahrer in den meisten Fällen nicht von Tempo 100 auf 30 gebremst werden: es ist dunkel und nass, wenn die Kröten wandern, und oft ist zumindest auf einer Seite der Straße ein Wald (Winterquartier der Amphibien), so dass eine angemessene Geschwindigkeit auch ohne Krötenschutzabsicht wohl meist eher bei 60 km/h liegen  dürfte.

Bitte unterstützen Sie die Forderung nach einem Tempolimit

Was wir uns als Unterstützung für die Durchsetzung der temporären Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h während der Amphibienwanderungen wünschen:

* Werben Sie bei Nachbarn, Freunden, Kollegen für Verständnis (Infoflyer zum Verteilen schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu).
* Werben Sie vor allem bei Lokalpolitikern für die Notwendigkeit des Schutzes unserer einheimischen Amphibien.
* Wenn Sie Beispiele für solche Tempolimits kennen, freuen wir uns über eine Mitteilung, die wir auch in unserem Netzwerk und darüber hinaus weitergeben, denn leider sind solche Pilotprojekte bisher nicht zentral gesammelt.
* Teilen Sie unseren Aufruf in den digitalen Netzwerken und stärken Sie unsere Stimme mit einem Kommentar/ Like o.ä.

Das Netzwerk Amphibienschutz versucht seit längerem, die Verkehrsbehörden von der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Tempobegrenzungen zu überzeugen. Auch derzeit sind wir dran. Daher ist öffentliche Unterstützung sehr willkommen, denn sie kann zeigen, dass solche Maßnahmen von der Bevölkerung unterstützt werden.

Weitere Infos
Eine Zusammenstellung von Info-Links haben wir hier.
Wie es aussieht, wenn Autos zu schnell über Amphibien fahren, ist hier mit unschönen Fotos dokumentiert.

Dieser Aufruf wird unterstützt von:
BUND Kreisverband Vogelsberg
Nabu Kreisverband Vogelsberg
AZN (Ausbildungs-Zentrum für Natur- und Umweltbildung im Vogelsbergkreis)

Updates:
Wir haben einen Brief zum Thema an unsere regional verantwortlichen Politiker geschrieben (pdf: Brief-Politik-Verwaltung-VB-Tempo-30) Wir werden von den Reaktionen berichten.
Unsere Kampagne auf Facebook hat bisher über 25.000 Menschen erreicht – und es gibt – von drei Ausnahmen abgesehen – nur Zuspruch. Das ist ermutigend! (Und dieser Eintrag hier ist der meist gelesene auf unserer kleinen Website 🙂

4 Responses leave one →
  1. 2018 Januar 24
    Siegrid Roedel permalink

    Ich bin für Tempo 30

  2. 2018 Januar 25
    Tanja Pietrangeli permalink

    Ich bin auch für Tempo 30

  3. 2018 Januar 28
    Antonius permalink

    Tempo 30 und wo sinnvoll Sperrung.

  4. 2018 Januar 28
    redaktion permalink

    Für Besucher, die nicht von Facebook kommen: dort bekommt die Kampagne viel Zustimmung – und erstaunlich wenig Negativkommentare (mit denen wir gerechnet haben). Hier schauen: Pfadfinder für Tempo 30 während der Amphibienwanderung

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